Sie geht einsam und enttäuscht aus dem Cafe und steigt in ihren kleinen alten Peugeot.
Ihr Treffen mit dem Starautor und überaus attraktiven Laurent Giscard hatte sie sich anders vorgestellt, wenngleich mit anderem Ausgang und ihn an ihrer Seite.
Charlotte fuhr den Wagen auf die Autobahn in Richtung Paris. Im Kopf noch das Gespräch mit Laurent und der Gedanke warum denn die besten Männer entweder schwul oder vergeben sind.
Sie hatte sich doch extra in Schale geschmissen, ihre weiblichen Vorzüge bestens zur Schau gestellt und doch reichte dies nicht einen Mann zu verführen, in den sie geradezu vernarrt war.
Schon damals als Kinder auf den Kornfeldern der Provinz, war sie hin und weg von diesem Jungen, seinen wunderschönen blonden Haaren, den blendend blauen Augen und die Aura eines Engels auf Erden. Wie sehr hatte sich doch dieser Engel verändert, wie sehr ist er in seinen Frust und Angst hinabgerutscht, wie sehr er die Vergangenheit aus seinem Kopf verbannt hat. Tatsächlich konnte sich Laurent an nichts mehr erinnern, nicht mal an Sie. Dieser eine Tag, der die gesamte Gemeinde schockierte, schien ihn für immer verändert zu haben. Charlotte erinnerte sich aber sehr gut an diesen Sommertag, dem Blaulicht unter der den gelben Strahlen der Sonne, den aufgeregten Nachbarn, deren Befragung und die ersten Gerüchte. Alle wussten dass Francois ein strenger Vater mit der Erziehung mit Eisenketten war, aber welche Schrecken mussten sich abgespielt haben, dass er zu solch einer Tat fähig war ? Seine eigene Frau zu ermorden und seinen Sohn für immer zu verstören ? Alle wussten aber auch um die zarte Seele Laurents und seiner Zuneigung zum eigenem Geschlecht. Die meisten schien das sowieso nicht suspekt gewesen zu sein, aber sein eigener Vater schien der Einzige gewesen zu sein, der dies nicht erkennen wollte. Warum müssen denn die eigenen Eltern diejenigen sein, dessen eigenes Kind sich nicht kennen zu vermögen ?
Charlotte schob diese Gedanken beiseite und versuchte nicht mehr an das Vergangene zu denken, wie die misslungene Verführung Laurents, und dachte wieder vorwärtsgewandt wie sie es immer tat.
Sie selbst hielt sich für eine taffe und starke Frau, die selbstbewusst durch das Leben geht. Als Studentin genoß sie das Leben in Paris in vollen Zügen. Wahrlich diese Stadt war für starke Frauen gebaut wurden samt den Boutiquen, der Mode und das Flair des Weltlichen wie Elegantem. Hier kann eine Frau sich entfalten, ihren Träumen nachgehen und zelebrieren. Charlotte lebte zwar nicht in dem höchsten Jetset des Pariser Highsociety aber ihr Budget reichte aus, um sich in der Mitte der Gesellschaft einzunisten dank den finanziellen Zuwendungen ihrer Familie, besonders ihrem Onkel, der einen großen Schlachthof in der Provinz betrieb.
Charlotte entschied sich für das Studium der Kunstgeschichte, einfach weil es für sie das nahliegenste war. Sie liebte moderne Kunst, interessierte sich für die Architektur und diversen Lebens und Schaffungskulturen. Ob sie das Studium jemals erfolgreich beenden würde war ihr noch unklar oder interessierte sie noch nicht. Sie genoß das Hier und Jetzt und der Rest würde noch kommen. Die junge Frau liebte das Pariser Nachtleben samt all den schönen Menschen und der besonderen Note an Extravaganz, die es sonst nirgends auf der Welt gab. Sie schlief häufig mit verschiedenen Männern und genoß die erkämpfte sexuelle Befreiung, die ihrer Generation mehr Freiheiten gab.
Sie fuhr mit ihrem Peugeot noch drei Stunden am Stück bis sie endlich das Pariser Stadtgebiet erreichte. Sie parkte ihren Wagen an einer kleinen Seitenstraße, stieg aus und ging auf das Gegenüberliegende Altbau, in der sich ihre kleine Zwei-Zimmer Wohnung befand. Ihre Wohnung war hell, spartanisch und stilvoll eingerichtet. Die Farbe Weiß bestimmte die Farbkultur der Einrichtung sowie eine kleine Sammlung an Ikea-Bildern und Fotos ihrer Liebsten.
Sie setzte sich an ihren kleinen Schreibtisch und startete ihren MacBook Air. Sie checkte ihre Mails, Nachrichten oder sonstige Benachrichtigung, aber es kam während ihrer Abwesenheit nichts Wichtiges in ihr Postfach.
Sie schloß ihren Computer und legte sich auf ihr großes Himmelbett. Charlotte dachte nochmal kurz an Laurent, bis sie diesen Gedanken irgendwie beiseite schob und schlief schließlich ein.
´´Einen Kaffee bitte ´´
´´Zum Mitnehmen ? ´´
´´Ja, bitte ´´
Müde nahm Charlotte ihren Kaffee vom Kiosk mit und begab sich in die U-Bahn um zur Universität zu fahren. Sie saß an einem Fensterplatz und schaute auf die Frau ihr gegenüber .
Die etwas ältere Frau las ein Buch und Charlotte erkannte das Buch wieder. Es war der Roman ´´Auf dem Kornfeld ´´. Sie dachte nochmal über diesen Roman nach . Die Geschichte um den kleinen Jungen aus der Provinz, der diese langweilige Tristesse entkam und als Jugendlicher nach Paris floh. Dort ging er seinem Traum nach Schauspieler zu werden und hielt sich zunähst mit kleinen Auftritten in lokalen Theatergruppen, bis ihm der Durchbruch gelang und er ein gefeierter Star der französischen Prominenz wurde. Charlotte dachte über all die jungen Menschen nach, die von Paris wie ein starker Magnet angezogen wurden und dort ihren Träumen nachgingen.
Sie selbst gehört auch zu dieser träumenden Generation und sie würde ihre Wahlheimat gegen keine andere Stadt tauschen wollen. Vielleicht nur gegen Berlin, aber Paris war die Stadt, die ihr alles bot, trotz der horrenden Mietpreise wie teuerer Alltag in dieser Stadt .
In der Universität stand ihr eine Vorlesung zum Thema ´´Kirchenarchitektur in der Zeit des Barock ´´ bevor. Die Kirche war nicht ihr Lieblingsthema, aber sie war nun mal eines der wichtigsten Säulen der europäischen Kunstgeschichte. Charlotte interessierte vielmehr die moderne und zeitgenössische Kunst Europas, aber um dahin zu kommen, galt es die Vergangenheit zu studieren.
Es steht eine Party bevor.
Eine von vielen in Charlottes Leben.
Sie war in eine größere Feier eines Kleinkünstlers eingeladen.
Stunden verbrachte sie vor dem Spiegel um sich eines solchen Anlasses gebührend vorzubereiten, denn der Gastgeber war ein höhst angesehener junger Maler, der als Shootingstar der Szene gilt.
Charlotte kannte diesen Künstler, den sie war vor einiger Zeit in einer Liaison mit diesem Mann verstrickt, hielten aber immer noch Kontakt zueinander.
Sie trat in eine recht große Wohnung eines Pariser Altbaus und die Feier schien schon in vollem Gange zu sein.
Frauen tanzen wild geworden inmitten des großen Salons, Männer in schicken Anzügen sitzen am Kanapee und trinken aus großen Gläsern. An den Ecken stehen deutlich sichtbar Künstler in kleinen Gruppen und diskutieren sachte und gelassen. Die Stimmung war deutlich ungezwungen und die Atmosphäre gab jedem Gast das Gefühl hier ungezwungen und ausgelassen feiern zu können.
Charlotte bediente sich an den Tequilas und suchte einen Gesprächspartner, um nicht alleine dazustehen. Doch dieser schien sie gesucht und gefunden zu haben.
´´Charlotte, welch Überraschung dich hier zu sehen.´´Es war Laurent der sie ansprach und Charlotte erstarrte kurz vor Überraschung. ´´Laurent, mit dir hätte ich auch nicht gerechnet.´´zwinkerte Charlotte ihm zu mit der Absicht möglichst schlagfertig und gewitzt rüberzukommen.
Die junge Frau mustert diesen schönen Mann, der ein himmelblaues Sakko trug und dazu lässige verwaschene Jeans und weiße Sneaker. Aber die von der teuren Sorte, wie es ihr sofort auffiel.
Laurent zögerte nicht lange um das leidige Smalltalk zu überspringen, sie an die Hand zu nehmen und mit ihr zu tanzen, noch bevor Charlotte sich versah. Laurent tanzte unglaublich gut, hielt sie um die Hüfte mit leichter Kraft und tanzte so, wie jeder Mann der was von sich hielt, tanzen sollte.
Die Frau überließ dem Mann das Zepter und ließ ihn gewähren. Die Musik aus den Lautsprechern war bestens zum Tanzen geeignet und so verging Lied um Lied, bis sie eine Pause für einen Drink einlegten. Charlotte fühlte sich vollends gelöst und teilte sich den Drink ganz erschöpft mit Laurent.
´´ Jetzt erzähl mal Laurent. Wie kommt es dass ein so großer Stern der französischen Literaturszene auf eine solch kleine Party erscheint?´´ Laurent zwinkert ihr zu und flüstert leise : ´´ Ich glaube wir haben uns den selben Liebhaber geteilt.´´Charlotte schaut ihn erschrocken an, aber Laurent lächelte bloß. ´´Der Gastgeber ist Künstler. Da passiert sowas mal.´´
Charlotte fühlte sich plötzlich beschämt und doch konfus. Natürlich wusste sie um die Freiheiten in dieser recht kreativen Stadt, aber den selben Liebhaber mit Laurent geteilt zu haben, war ihr doch unangenehm. ´´Schön dich wieder gesehen zu haben Laurent, aber ich denke es ist Zeit für mich.´´
´´Ah Laurent und Charlotte´´ ertönte es plötzlich hinter ihr. Es war der Maler und Gastgeber der Party. Sein Name war Guiseppe, ein französischer Künstler italienischer Abstammung. Er trug lange, wild gelockte dunkle Haare und stechend blaue Augen, die diesen Mann sehr sehr exotisch und in gewissen Grade sehr attraktiv machte. ´´Guiseppe, mein alter Freund.´´Laurent und der Gastgeber umarmten sich und umarmte Charlotte gleich hinter her.
´´Charlotte, du siehst bezaubernd aus. Wie immer eigentlich.´´
´´Merci Guiseppe. Aber ich habe schon Laurent gesagt, dass ich grade nach Hause aufbrechen wollte.´´
´´Ah quatsch Charlotte. Alle amüsieren sich hier prächtig.´´
´´Ja, aber ich denke es wird Zeit. Bon Soir Guiseppe.´´
Laurent erkannte das Unbehagen der jungen Frau und vermittelte Guiseppe, er würde sie gerne nach Hause begleiten. Es sei ja schon Spät des Abends.
Guiseppe fühlte sich übertrumpft, aber verabschiedete sich nicht von beiden ohne einen Kuss auf die Wange. ´´Bon Soir Guiseppe. Wir sehen uns.´´verabschiedete Laurent den Künstler und begleitete Charlotte in die kühle Nacht von Paris.
Der Schriftsteller und die junge Studentin schritten gemeinsam durch die Gassen Paris und ein Fremder würde wohl glauben ein Liebespaar geht gemeinsam den Weg nach Hause. Doch so wahr es nicht, wie Charlotte es klar wurde, als sie merkte dass Laurent bewusst ihre Hand nicht hielt und merklich sie mit einer gewissen Distanz begleitete. Beide schwiegen auf ihrem Weg und Charlotte wusste auch nicht recht mit dem attraktiven aber homosexuellen Mann umzugehen. Gewöhnlich wusste sie mit Männern umzugehen, die ihr in ihr Bett folgten, aber mit Laurent war es etwas komplizierter. Vor allem weil beide den selben Liebhaber teilten.
Doch dann unterbrach Charlotte die Stille: ´´Erzähl mal Laurent von deinem Partner Dris. Wie ist er so ? ´´
Laurent dachte kurz nach und antwortete: ´´Dris ist ein wunderbarer Mann. Er bringt mich ständig zum Lachen und wir sind ein gutes Gespann. Ich lernte ihn bei einer Messe für Start Up´s und innovative Gründung in Lyon kennen. Damals wollte ich mich für unternehmerische Möglichkeiten für Künstler informieren. Es stimmt, die meisten Künstler führen ein Leben mit Wasser und Brot, aber die Vorstellung war interessant Kunst mit Unternehmertum zu kombinieren. Dris war in dieser Messe Vertreter für ein aufstrebendes Start Up welches sich auf Haushaltelektronik spezialisierte.
Ich ging an dessen Stand vorbei und er sprach mich einfach an und erzählte mir alles mögliche über sein Unternehmen und die Produkte. Ich signalisierte ihm ich sei nicht interessiert an den ganzen Kram, da sah ich ihm in die Augen und plötzlich nahm ich ihn intensiver wahr. Ich weiß nicht durch welches Schicksal es passierte, dass wir beide uns in einer Messe trafen und dazu noch der selben Gesinnung. Dris ist ein unglaublicher witziger Mann und schnell eroberte er mich mit seinem Charme. Seitdem sind wir ein Paar, auch wenn es brauchte bis es offiziell wurde. Aber ich bin sehr glücklich mit ihm.´´
Charlotte dachte über diese Worte nach und eine gewisse Bitterkeit überkam sie. Nicht des Neides, sondern der Scham einem Menschen die Beziehung zunichte machen wollen für Sex.
Jetzt nahm sie Laurent ganz anders wahr. Mehr als einen Menschen den es zu respektieren galt, insbesondere seine Sexualität. Ihr wurde klar sie habe egoistisch gehandelt und dachte sie könne mal eben die Präferenzen eines Mannes auf sich lenken, wie sie es sehr oft mit anderen Männern tat. Da blieb sie stehen, fasste Laurent am Arm und mit leisem Ton sagte sie zu ihm: ´´ Laurent, es tut mir Leid. Wegen dem Abend damals in der Heimat. Ich wollte dir aber sagen, dass ich mich sehr freuen würde, wenn wir Freunde werden könnten. Wie damals als Kinder.´´
Laurent lächelte sie an und umarmte sie herzlich. Wie ein guter Freund.
Der eine Abend mit Laurent brachte Charlotte zum Nachdenken. Sie hinterfragte jetzt ihren Lebensstil mit all den Freiheiten einer Mademoiselle in Paris, aber als Laurent über Dris erzählte sah sie plötzlich eine tiefe Wärme in seinen Augen. Genau diese Wärme ist Charlotte nie widerfahren. Wie sehr wünsche sie sich doch jetzt ein Mann möge mit einer solchen Wärme über sie erzählen ? Natürlich genoss Charlotte guten Sex mit jedem Mann den sie attraktiv fand in vollen Zügen. Aber das ist es ja. Mehr als Sex war da auch nicht und mit getrübten Gefühlen dachte sie wie schön es wäre, ein Mann würde sie anbeten. Nicht nur im Bett.
Jetzt wo Charlotte und Laurent Freunde geworden sind trafen sie sich öfter zusammen in einem Cafe oder einem Bistro und redeten viel, wie es bei guten und echten Freunden der Fall ist.
So erfuhr Charlotte vielmehr über Laurent und seine Arbeit. Laurent war ein vollblütiger Autor, aber auch nicht den finanziellen Aspekt für Künstler abgeneigt. Laurent erzählte selbst wenn er bitterarm sei, wäre das Schreiben für ihn eine Passion, aber doch umso schöner für seine Passion entlohnt zu werden.
Dann dachte Charlotte darüber wie viel Böses Laurent in der Kindheit widerfahren sei. Von seinem aggressiven prügelwütigen Vater und diesem schrecklichen Mord an seine Mutter. Und wenn das nicht genug sei, dann noch die Unterbringung in einem Kinderheim in der Hauptstadt.
Doch Laurent schaffte es sich von diesem Schicksal zu lösen und ein erfolgreicher Autor zu werden.
Soweit sie wusste studierte Laurent nie in seinem Leben an einer Universität oder genoß höhere Bildung. Seinen gesamten Intellekt brachte er sich selbst bei mit seinem scharfen Verstand und verstand es die Zusammenhänge richtig zusammen zu führen. Erschrocken wurde ihr klar, dass Laurent gerade erst 22 Jahre alt. 22 Jahre und schon im Besitz einer weisen Reife und Bodenständigkeit. Gewiss Laurent war ein herausragender Mensch und Künstler. Auf einmal fühlte sie sich selbst ganz klein neben diesem Genie.
Charlottes Studium tröpfelte vor sich hin. Zwar besuchte sie die verpflichtenden Veranstaltungen, doch sie riß sich nicht darum das Studium zeitig abzuschließen. Arbeiten tut der Mensch noch genug im Leben und solange der familiäre Geldfluss nicht versiegt, kann sie es sich erlauben ihr Studentenleben zu finanzieren.
So ging sie wie gewohnt ab und an in die Uni, besuchte Ausstellungen über zeitgenössische Kunst und ging in Partys von bedeutenden Künstlern oder Menschen die was von sich hielten. In ihrem Unterbewusstsein wurde ihr immer mehr bewusst, dass sie mehr ein Teppichableger war, der nur zu Anlässen von anderen Menschen ging, aber nie selbst der Vordergrund der Party war.
Sie beneidete Menschen die Erfolg haben, traute sich aber nie selbst für diesen Erfolg zu kämpfen oder einzustehen. Sie war doch lediglich eine weibliche Kunstgeschichtestudentin wie es sie massenweise in Paris gab. Charlotte wusste viel über Kunst, aber weniger selber künstlerisch tätig zu sein. Vielmehr gab sie sich damit zufrieden irgendwann einfach ein Atelier oder Ausstellung zu managen. Mehr war da nicht drin für sie, wie sie selbst dachte.
Doch besonders bei jungen Menschen weiß man nie, welche Überraschungen noch in den nächsten Monate, Wochen oder gar Tage passieren.
Fortsetzung folgt…
