Stramm stehen die jungen Männer in Reih und Glied, während ein Oberleutnant sie anbrüllt und drillt.

Es sind Tage des großen Krieges, der Angst und des Sterbens. Deutschland befindet sich im Krieg mit dem Rest der Welt und sieht sich im eigenem Hass und des Nazistischen Wohlwollens ausgeliefert.

Welche Bürde muss diese Jugend, diese junge Generation an Deutschen erleiden, ihrem Vaterland treu ergeben zu sein, geführt von alten Männern in Uniformen, die ihren eigenen Hass auf die jungen Menschen übertragen.

Es ist eine Zeit der Angst und des Gehorsams. Wer nicht gehorcht ist nicht Teil der braunen Gesellschaft und wer nicht zur Gesellschaft gehört, gehört nicht zu Deutschland.

Der junge Gefreite Friedrich ist in dieser Hinsicht von ganz eigener Natur. Er kümmert sich nicht viel des Patriotismus willens, der Hierarchie in dieser kulturellen Anarchie des dritten Reiches.

Friedrich wurde als Jungspund eingezogen in einer Zeit, in der die erste Garde der Wehrmacht an der Ostfront zusehends verstarb und das Regime sich den Kindern des eigenen Volkes vergriff, ihnen ein Gewehr in die Hand drückte und sie als Kanonenfutter an die Front versetzte.

Das Schicksal bestimmte, dass Friedrich in den letzten Kriegsjahren an die Ostfront geschickt wurde und dort für das heilige Deutschland kämpfen sollte.

Doch der Knabe aus Norddeutschland war nicht an Waffen oder der Kriegskunst interessiert, vielmehr der Schönheit der Natur und des freien Lebens mit all seinen Vorzügen.

Schon in der Kurzausbildung wurde Friedrich zu Drill dranglasiert, denen seine Altersgenossen zu Opfer wurden und sie ihren eigenen Verstand, das Selbstverständnis der Selbstentfaltung verloren und wie hirnlose Zombies zu angeblich taffen deutschen Soldaten geformt wurden.

Zusehends begann der Rassismus in ihren Köpfen Einzug zu nehmen und lächerliche Sprüche wie jeder Stoß ein Franzos oder jeder Schuss ein Russ machten die Runde.

Doch Friedrich gelang es seine eigene Natur und des Lebens wohlwollende Haltung zu erhalten, auch wenn er deswegen Verspottet wurde.

Russland 1944.

Die lang ersehnte Verstärkung für die Ostfront ist endlich eingetroffen. Eine der letzten und die jüngste bis dahin. Friedrich und seine Kameraden wurden einem Bataillon an vorderster Front entsandt und sollten dort der Offensive der Roten Armee strotzen, auch wenn es militärisch sinnlos erschien.

Um den jungen Landsern das Geschäft des Krieges nahezubringen wurden Friedrich und drei seiner Kumpanen dazu befohlen bei Einbruch der Dunkelheit in den nahen Wäldern auf Patrouille zu gehen. Ein Gefühl der Angst wie dem Stolz zu dienen machte sich den ausgewählten Soldaten zu eigen und so bereiteten sie sich auf ihre erste Mission vor. Während drei von ihnen nochmal ihr Gewehr durchluden und sich die Granaten an den Gürtel hängten, war Friedrich wieder in seinen Tagträumen abgedriftet und freute sich darauf endlich mal in diesen schönen russischen Wäldern spazieren zu gehen und endlich mal abseits des ganzen Treibens von lauten Motorengeräuschen der Panzer und der stetige soldatische Drill zu entkommen.

Alsbald machte sich die kleine Truppe auf den Weg und gingen wachsam mit gehobenen Gewehren

durch Felder, Wiesen und Wälder.

Nach zwei Stunden machten sie in einer kleinen Waldlichtung erschöpft Rast und ruhten sich aus.

Doch dann geschah, dass der Krieg sie zum ersten Mal erreichte. Der Krieg schlug in Form einer Granate in ihrer Nähe auf und versetzte die Jungs in panischer Angst.

Es folgten weitere Einschläge in ihrer Nähe und die Soldaten nahmen Reiß aus und rannten in Richtung ihrer Frontlinie zurück. Auch Friedrich rannte seinen Kameraden hinterher bis zwischen ihm und seinen Kameraden eine Granate einschlug und dem zierlichen Jungen in die Luft schleuderte.

Dann war alles schwarz.

War das der Tod ?

Stille…

…und das langsame Zurückdringen des Lichtes in blauen Augen.

Friedrich öffnete die Augen und noch etwas benommen sah er sich um.

Um ihn herum lagen gespaltene Bäume und Erdgruben, doch zu seinem großen Glück war er noch ganz und unverletzt. Wie durch ein Wunder war Friedrich noch am Leben und konnte all seine Gliedmaßen noch bewegen.

Noch benommen blickte Friedrich umher und nahm den beißenden Geruch von verbrannter Erde wahr.

Er stand auf und hielt sich kaum auf den Beinen, weil er am ganzen Körper zitterte.

Die Orientierung ging ihm verloren und er wusste nicht recht in welche Richtung er gehen solle, um zu seiner Einheit zurückzukehren.

So nahm er seinen schweren Stahlhelm ab entledigte sich seiner Ausrüstung und nahm lediglich sein Gewehr und etwas Munition mit.

Er ging einfach nach Gutdünken los und hoffte aus diesem Schlamassel lebend herauszukommen.

Es vergingen gefühlte Stunden und am Horizont nahm Friedrich eine helle Lichtung wahr. Hoffnungsvoll ging er auf diese Oase des Lichtes zu und erreichte einen See.

Schließlich rannte er an das Ufer des Sees und trank durstend des kühlen Wassers.

Er wusch sein Gesicht und sah in den Himmel. Die Morgensonne blendete seine Augen und das Blau des Sommerhimmels eroberte Stück für Stück den Horizont zurück.

Ein Lachen entbrannte seiner Kehle, denn er war noch am Leben. Welch Freude ihn überkam, welches jedoch schnell von Angst und Furcht ersetzt wurde.

Auf der anderen Seite des Sees nahm er mehrere kleine Behausungen wahr und gar Menschen in ihrer Nähe.

Dies war der Moment in dem Friedrich sich schnell entscheiden musste was er jetzt tun solle,

Er glaubte dort befinden sich russische Soldaten und jetzt kam die Frage auf. Das Gewehr nehmen und kämpfen ? Nein. Die Furcht war zu groß und die Abneigung des Krieges zu groß. So entschied er sich das Gewehr in den See zu werfen und sich mit erhobenen Händen den Behausungen zu nähern.

Mit pochendem Herzen und großer Furcht ging er der Lichtung zu und versuchte im Kopf sich noch etwas der russischen Sprache in Erinnerung zu rufen. Doch leider lernte er in der Ausbildung der ach so großartigen Wehrmacht nie, wie man sich auf Russisch ergab. Einzig das ´´Hände hoch´´blieb in seinem Gedächtnis doch das half ihm jetzt wenig.

Es herrscht Krieg. Es herrschen grausame Zeiten und eine große Furcht. Doch selbst im Krieg gibt es Momente die einfach unmöglich erschienen oder aus dem Zusammenhang gerissen.

Es sollte genau so ein Moment folgen.

Friedrich schritt den Menschen entgegen, doch es waren keine Soldaten. Es waren junge Menschen, die einfach im See badeten und dort angelten.

Diese wunderschöne Szenerie sollte arg vorbei sein, in dem Moment als sie die deutsche Uniform sahen.

Ängstlich fingen die Jugendlich an zu schreien und davon zu laufen. Doch Friedrich schreite ihnen hinterher sie sollen keine Angst haben. Schließlich rannte Friedrich ihnen hinterher in einen Wald hinein. Gerade als er sie verloren geglaubt zu haben, bekam er einen Stoß in den Hinterkopf.

Durch die Wucht des Schlages ging zu Boden und hielt sich am blutenden Hinterkopf.

Er sah auf und ein junger Mensch eben seines Alters stand mit einem Ast bewaffnet ihm drohend gegenüber.

Der Junge schrie auf Russisch doch Friedrich verstand ihn nicht. Schnell hob er seine Arme und versuchte eine Geste der Unterwürfigkeit zu zeigen, die dem anderen Jungen ein friedliches Zeichen geben sollte. Nach einem kurzen Moment erschien der Rest der Gruppe. Es waren drei Mädchen und ein weiterer Junge. Alle noch im jungen Alter wie Friedrich selbst.

Dann schritt eines der Mädchen an ihn heran und Worte entglitten ihrem Mund, die Friedrich verstand.

´´Wer bist du ? Sind noch mehr Soldaten in der Nähe?´´fragte sie auf deutsch mit leichtem Akzent.

Hocherfreut sich verständlich machen zu können antwortete er ihr, er sei von seinen Kameraden getrennt und einsam wie hilflos durch die Wälder marschiert.

Das Mädchen, die dunkle Haare in einem strengen Zopf trug, übersetzte seine Worte und die Gruppe fing an zu lachen.

´´Du Dummerchen. Die Front hat sich schon wieder längst viel weiter in den Westen verschoben. Die rote Armee schlug sie gestern in einem Überraschungsangriff weit zurück.´´

Friedrichs Augen weiteten sich und sah wortlos das Mädchen an.

Dann fing eines der Jungen an mit ihr zu diskutieren und das Mädchen reagierte harsch und wortführend.

Dann wandte sie sich wieder Friedrich zu, nahm ihm an die Hand und half ihm hoch.

´´Du kannst gerne bei uns unterkommen. Du musst dir aber diese hässliche Uniform entledigen…

Tatsächlich verlief die Front immer weiter in den Westen und das Donnern der Bomben wie Schüsse klangen immer leiser von Tag zu Tag.

Die Gruppe an jungen Menschen, denen Friedrich sich anschloß waren die Jugend eines kleinen Dorfes unweit des Sees. Lange sahen sie sich der Willkür und der Beraubung durch deutsche Soldaten ausgeliefert bis endlich die russische Armee ihr Dorf erreichte und sie befreite.

Seitdem konnten sie wieder ungehindert an ihren See gehen und dort den warmen Sommer verbringen. Dabei nahmen sie Friedrich bei sich auf, gaben ihm zivile Kleidung und verhinderten so, dass Friedrich als Deutscher erkannt wurde und gefangen genommen wurde.

Dank Friedrichs harmonischen Wesens und seiner Junghaftigkeit schlossen ihn die anderen schnell in ihr Herz und wurden gar Freunde.

Auch die Alten im Dorf erfreuten sich an Friedrichs Anwesenheit, da er ihnen auch eine große Hilfe in tagtäglichen Arbeiten im Dorf und auf den zu bestellenden Feldern war.

Oft saßen das ganze Dorf an einem abendlichen Lagerfeuer zusammen, tranken reichlich Wodka und erzählten. Erzählten über den Krieg, das Leid und schließlich die Befreiung durch eigene Landsleute. Dabei überkam Friedrich jedes Mal Scham, wenn er von den Gräueltaten durch seine Landsleute hörte, wie zum Beispiel der Verschleppung und Ermordung der wenigen Juden, die im Dorf lebten. Tatsächlich wusste Friedrich von dem nationalen Hass der Deutschen auf Juden und Mindermenschen, aber nicht von dem Umfang der grausamen Pogromen an eben diesen Menschen.

Schnell lernte Friedrich in kleinen Zügen die russische Sprache, wodurch er im Dorf noch mehr anerkannt wurde. Es war die pure Angst und das Finden einer neuen Heimat, die Friedrich davon abhielt in den Westen gen Deutschland zu ziehen und ihn dazu verleitete in Russland noch ein wenig ein harmonisches Leben zu führen. Er genoß die wilde Natur, das einfache fast wilde Leben der Menschen und wie wild seine Hingabe zu einem bestimmten Menschen…

Es wurde Herbst in Russland. Der Herbst im Jahre 1944.

Die Front verlief schon gänzlich im weiten Westen und hinter der Front kehrte das normale Leben zurück.

Nach den tagtäglichen Arbeiten an den Feldern ging der junge ehemals Gefreite Friedrich wieder an den See, saß an dessen Ufer und dachte nach. Über das alte Leben in Deutschland, dem Krieg und der neuen Heimat. Fast apathisch wirkte Friedrich zu diesem Moment, bevor er eine Hand an seiner Schulter spürte. Doch er erschrak nicht, nein, vielmehr war es eine lang ersehnte Berührung und ein Zeichen tiefes Vertrauens. Er legte seine linke Hand auf die an seiner Schulter und schloß seine blauen Augen. Daraufhin spürte er ein warmes Atmen an seinem Hals und das Küssen seiner Wange.

Schließlich hob er seinen Haupt und schaute in die grauen Augen seines Gegenübers, bis dieser zu ihm sprach: ´´ Ich bin glücklich dass du hier bist Friedrich.´´Dessen Antwort: ´´Ich bin es auch Wolodimir.´´

Danach stand Friedrich auf und stand seiner Liebe gegenüber.

Wolodimir war einer der Jungen, die damals an diesem See Friedrich zum ersten Mal begegneten.

Sofort wussten beide junge Männer um die Sehnsüchte des Anderen, der Leidenschaft des Anderen, der langen Suche nach Liebe des Anderen.

Endlich solle dieser verfluchte Krieg ein Ende finden, der Hass ein Ende finden und nur die Liebe Einzug finden. In diesem Moment vergaßen die Beiden jedes Elend und Leid und fühlten nur das Brennen der Leidenschaft in ihrer Brust.

Wolodimir legte seine rechte Hand an Friedrichs Wange, zog sein Gesicht zu sich bis sich dessen Lippen an des seinen legten. Friedrich legte seine Hand an des Gesicht des Anderen und ein Traum ging in Erfüllung. Der Traum des freien Lebens, der freien Liebe, der Freiheit.

Diese Nacht sollten Friedrich und Wolodimir nicht ins Dorf zurückkehren, sondern an diesem See verbleiben, wo sie sich das erste Mal begegneten und das erste Mal liebten, solange Gott seinen Segen gab in diesen schweren Zeiten der Unseligkeit.