Fedek sitzt im Wohnzimmer in seinem Sessel.
Der Rauch der Zigarette umhüllt das alte Gesicht des Greises und lässt ihn dahinter verschwinden.
Es ist der erste August 2019. Noch fünf Minuten bis alle Sirenen in der Stadt ertönen und die Menschen in dieser Stadt jährlich in Erinnerung rufen, was in ihrer Heimatstadt vor zig Jahren passierte. Und da kam sie. Die Sirenen die den alten Mann gedanklich in seine Kindheit zurückversetzte. Er sah sich selbst als Kind mit goldgelockten Haaren und stahlgrauen Augen.
Danach schloß der Greis die Augen und dachte zurück an den ersten August 1944.
Es ist Krieg auf der Welt.
Die deutsche Wehrmacht kämpfte an allen Fronten gegen die Alliierten.
Noch war Polen unter deutscher Herrschaft in der die SS und die Heeresgruppe B wütete und zahllose Massaker an der Bevölkerung verübten.
Es war der Moment als die Polen die Unterdrückung nicht mehr ertragen wollten und koordiniert von der Exilregierung in London, organisierte die polnische Untergrundarmee einen Aufstand gegen die Besatzer. Punkt 17 Uhr kam sie. Die Stunde ´´W´´.
Fedek war ein 12 Jähriger Junge, der in Warschau geboren, leben und sterben wird.
Seine Eltern waren zuvor Geschäftsleute in der Textilindustrie und lebten in gehobenen Verhältnissen. Bis der Moment kam, als die Firma des Vaters von der deutschen Verwaltung enteignet und zu Zwecken der Wehrmacht umgestaltet wurde. Es wurden nicht mehr Hosen und Anzüge geschneidert, sondern Uniformen und Ausrüstung für die Wehrmacht.
Dadurch glitt die Familie in armen Verhältnissen und die Mutter musste zusätzlich in einer Pralinenmanufaktur schuften um die Familie über Wasser zu halten.
Doch all dies sollte jetzt ein Ende haben. Ab dem Zeitpunkt an dem Polen und sein Herz Warschau aufbegehren und die Freiheit zurückerkämpfen wolle.
Die Kampfhandlungen begannen mit einem lauten Knall, der mehreren Explosionen und Schüsse folgten. Erschreckt durch die lauten Explosionen suchte Fedek Schutz im Schose seiner Mutter.
´´Mama, was passiert hier?´´fragte der Junge.
Die Mutter wusste nicht die Antwort ehe der Vater seiner Familie sagte: ´´Es ist der Zeitpunkt des Widerstandes gekommen. Die Polen erheben sich und kämpfen jetzt für die Freiheit.´´
Der Aufstand dauerte über zwei Monate und kostete zahllosen Menschen das Leben.
Die Familie wohnte im Stadtteil Zoliborz und im Verlaufe der Kampfhandlungen näherte sich die innerstädtische Front aus dem Zentrum in ihr Wohngebiet.
Fedek sah zum ersten Mal schwerverletzte polnische Aufständische und die ersten Gefallenen wurden in einer Grünfläche in ihrer Nähe beerdigt.
Fedeks Mutter sorgte sich um ihren kleinen Sohn und bat dem Vater sich möglichst aus den Kampfhandlungen rauszuhalten. Doch dies schien mit zunehmender Brutalität der Kämpfe nicht möglich zu sein. Wenn Menschen um ihr Überleben kämpfen sind sie zu allem fähig und die grausamste Triebe eines menschlichen Wesens treten in den Vorschein.
Es geschah als eine Granate in ihr Haus einschlug, das Gebäude zusammenbrach und die Bewohner verschüttete. Hastig eilten Nachbarn herbei um die Menschen aus den Trümmern zu befreien. Fedeks Eltern überlebten nicht. Einzig der kleine Fedek wurde wie durch ein Wunder lebendig geborgen. Sanitäter der polnischen Landesarmee kümmerten sich um Fedek, der mit einem Mal nicht mehr Kind sein durfte oder sollte, sondern nun in die grausame Realität der Kriege von Erwachsenen geholt wurde.
Währenddessen wurde der befreite Kreis des freien Polens immer kleiner und bald sollte die SS die Aufständischen umzingelt haben.
Die Kämpfe wurden von immer größerer Brutalität geführt, die die Erwachsenen nicht davon abhielt Fedek für den militärischen Dienst hinzuzuziehen.
Um die Kommunikation zwischen den eingekesselten Einheiten der polnischen Untergrundarmee zu gewährleisten, wurde der schmächtige Fedek auserkoren Briefe und Botschaften zwischen den Einheiten zu übermitteln.
Zwischen Löchern an Mauern und gar in der Kanalisation begab sich Fedek mit einer Umhängetasche zwischen den Gefechten unter Lebensgefahr.
Jeder Krieg und jede Schlacht endet irgendwann. Auch die große Schlacht um Warschau.
Einzig die Hoffnung auf das baldige Eingreifen der roten Armee hielt die Aufständischen noch am Leben und Kämpfen. Doch dies geschah nicht. Der Untergang der Stadt bahnt sich durch Bomben, Granaten und Schüssen an und frisst sich wie eine Todesmaschine durch die Stadt.
Es passierte im Morgengrauen als Fedek mit anderen Kämpfern versuchte in der Kanalisation zu entkommen. Stundenlang schritten sie durch einen Fluss aus Fäkalien, Abwasser und Angst in der Hoffnung auf der anderen Seite einen Fluchtweg zu finden.
Dann sahen sie erste Sonnenstrahlen am Ende des Tunnels. Dieses lebendige Licht war wie eine Verheißung der Erlösung aus der Hölle dieses Krieges.
Das Licht wurde immer größer bis der vorderer Soldat den Deckel beiseite schob und ins Freie hinausstieg…
Fedek hat überlebt.
Als einziger der Truppe in der Kanalisation. Auf der anderen Seite warteten bereits deutsche Soldaten und nahmen alle gefangen.
Mit Gewehren wurden die Männer und Frauen exekutiert. Der Reihe nach.
Fedek überlebte weil ihn einer der Offiziere gefiel, durch seine blonden Haaren und grauen Augen.
Als sichtlich ´´arisch´´wurde Fedek eingestuft und ins dritte Reich verschleppt.
Es war nichtmal ein ganzes Jahr, als er bei deutschen Einrichtungen zur Erhalt der arischen Rasse unterkam.
Irgendwann wurden die Kinder aus Polen sich selbst überlassen und bei Ankunft der roten Armee nach Polen zurückgebracht.
Jetzt viele Jahrzehnte nach diesem schrecklichen Krieg erhebt sich der greise Fedek aus seinem Sessel, trat ins Balkon und begleitet von Sirenen salutiert er in Richtung seiner Heimatstadt.
