´´Junge, geh mal rüber zu Fritz und frag ihn nach einem neuen Fahrradschlauch.´´
Kai ging aus dem Elternhaus raus und ging zu dem alten Nachbarn rüber.
Er klingelte an der Tür und ein greiser Mann mit markantem Haarschnitt öffnete ihm die Tür.
´´Ah du bis es. Wie kann ich dir helfen ?´´
Kai fragte nach dem Schlauch und der Greis ging in den Keller und holte wonach der Junge fragte.
´´Hier mein Kleiner, und grüß deine Eltern von mir.´´Anschließend strich er ihm durch das blonde Haar und gab ihm einen Klaps auf die Backe.
Kai brachte seinem Vater den Schlauch, um für ihn ein neues Rad anzubringen.
Nachdem Fritz Becker dem Jungen den Schlauch gab ging er zurück in seine Stube.
Die Stube war gemäß dem Alter des Bewohners eingerichtet. Mit schwerem Möbeln aus Eiche und eine rustikale wie nostalgische Note.
Über der Kommode hingen viele Schwarzweißfotos. Auf diesen Bildern war die gesamte Familie Becker porträtiert und auch ein paar Freunde.
Doch in der Kommode befand sich ein versiegeltes Fotoalbum aus Wildleder.
Öffnet man diese Mappe sieht man Bilder mit Hakenkreuzen, Stahlhelmen und Soldaten mit ihren Waffen.
Es war das ´´geheime´´Fotoalbum von Fritz Becker.
Fritz lebte alleine in dem großen Haus in einer Kleinstadt in Norddeutschland.
Seine Frau Inge verstarb schon vor fünf Jahren und nun lebte der Alte alleine in dem Haus.
Seine beiden Söhne hatten schon eigene Familien und lebten nun in Hamburg.
Wahrlich der Mann könne seinen Lebensabend genießen, aber der Dolch der Vergangenheit vergiftete jegliches Wertegefühl des Greißes.
Nach außen gab er sich, als den netten und liebevollen alten Mann, aber innerlich brodelte noch immer ein braunes Feuer in seinen altern Adern.
Gerne bei einem Glas Korn saß er Abends in der Stube und schaute sich sein ´´geheimes´´Fotoalbum an.
´´Mein Gott. Was ist bloß aus unserem Vaterland geworden?´´fragte er sich oft innerlich,wenn er Menschen mit dunkler Hautfarbe sah oder halt Menschen, die für ihn nicht wie Deutsche aussahen.
Auf den Bildern waren auch Bilder von ihm. Mit Uniform und Hakenkreuz an der Brust. Man könne meinen es war den Umständen geschuldet, doch dieser ach so nette alte Greis ist in Wirklichkeit ein Hasserfüllter Altnazi wie aus dem Bilderbuch geschnitten.
Und in seinem altem braunen Denken gab es nur noch eine Partei, die Deutschland wieder erwachen lassen sollte.
Gerne schaute er sich Beiträge und Propaganda dieser Partei auf seinem Computer an.
Wahrlich, das Internet bietet unzählige Möglichkeiten und eines davon ist die rasante Verbreitung von rechter Hetze und ihrer Verherrlichung.
Es passiere , dass Fritz Becker sich Video um Video anschaute und all dieser Hass ihn erneut vereinnahm.
Sekunden und Stunden die er in seinem Ruhestand mit dieser Propaganda verbrachte, ließ seinen Glauben an das ´´alte Deutschland´´ wieder aufleben.
Diese Geschichte endet hier abrupt.
Diese Erzählung bedarf keines Endes, keiner Metapher oder Symbolik.
Diese Erzählung ist real in Form von vielen Menschen wie Fritz Becker.
Was zu erzählen bleibt ist nur eines: Schade.
Schade um das Leben dieses Menschen.
Schade um die Lebensleistung dieses Menschen.
Schade um den Lebensabend eines greisen Menschen.
Sicherlich gibt es in unserer freiheitlichen Demokratie unendliche viele Wege ein gutes und glückliches Leben zu führen.
Fritz Becker ist nur einer von vielen.
Denn es gibt sie immer noch.
Die Nazis sind noch immer unter uns.
