Kapitel 1
Blaulicht schwelgt im dunklen Nachthimmel.
Sirenen ertönen und stören die Ruhe der Nacht.
Ein junger Mann steht ruhig da. Er bewegt sich nicht. Kein bisschen. Er hat Angst.
Um ihn herum bildet sich ein Ring aus Streifenwagen und Rettungswagen.
Er nimmt sie kaum zu Kenntnis. Er steht nur da und sieht ein Paar aus Lichtscheinwerfer aus der Nähe auf ihn zu kommend.
Menschen schreien und rufen doch er steht nur da. Inmitten der Gleise und sieht wie sein Leben dem Ende zugeht. Er hat Angst. Doch er steht nur da…
Kapitel 2
David öffnet die Augen und versucht schnellstmöglich den Wecker auszustellen, was beim frühen Morgen nicht gerade einfach ist.
Als er den Wecker endlich ausstellte steht er auf und betrachtet sich vorm Spiegel:
Er sieht einen wohlgenährten Bauch und leicht hängende Brüste.
Er stellt sich seitlich vor seinem Spiegel und betrachtet seine Figur. Nicht gerade ein ästhetischer Hingucker denkt sich David. Er hasst seine Figur und fühlt sich dadurch unsicher. Durch das Tragen von langen Hoodies und breite Jeans versucht er seinen runden Bauch zu verstecken. Naja, ich kann ja noch immer abnehmen denkt sich David und das nicht zum ersten Mal.
Schließlich machte er sich im Bad fertig. Beim Zähne putzen guckte er sich sein Gesicht an.
Wuschelige dunkelblonde Haare, ein rundes Gesicht und stechend grüne Augen blickten zurück.
Er hielt sich nicht für sehr hässlich, aber auch nicht gerade Attraktiv.
So wie an jedem Morgen geht er immer das selbe Prozedere durch:
Sich im Bad fertig machen, Frühstücken und mit dem Rad zur Schule fahren.
Wie sehr hasst er doch diese Rituale und an jedem Morgen denkt sich David, dass er dieser Tristesse
entkommen will. Am liebsten würde er jedoch ein neues Leben beginnen. Nicht nur dass er seine Figur hasst. Er hasst sein ganzes wohlbehütetes Leben.
David Felder entstammt einer wohlhabenden Familie aus der Mittelschicht und lebt als Einzelkind in einer ruhigen, spießigen Wohnsiedlung am Achimer Stadtrand.
Viele Kinder könnten ihn eigentlich, um seinen Einzelzimmer, dem Geld seiner Eltern, dem Mercedes vor der Tür und seiner Xbox beneiden. Doch David würde das alles am liebsten hinter sich lassen, um vor allem eines zu ändern: Seinen Status in der Hierarchie des örtlichen Gymnasiums.
Es ist kein Geheimnis, dass David nicht gerade ein anerkannter Mitschüler war, schlimmer noch, mehr als Außenseiter gesehen wird mit dem Niemand sich blicken lassen wollte.
Willkommen in Davids Leben!
Eine der wenigen Lichtblicke in Davids Leben waren seine Freunde die ziemlich rar sind. Oder besser gesagt nur aus einer Person bestand in Form von Sergej Arscharov, der ebenfalls ein Außenseiter war. Aus Namensgründen wohlgemerkt.
Sergej stammt aus Kasachstan und war wie David Einzelkind. Jedoch aus deutlich ärmeren Verhältnissen und lebt mit seinen Eltern im ärmeren Teil im Norden der Stadt in einer Plattenbau-Siedlung.
Da beide Außenseiter waren, sich aber schon aus Kindesbeinen an kannten, wurden sie schnell gezwungener maßen Freunde. Oft saßen sie bis in die Nacht hinein bei David Zuhause und spielten Xbox oder sahen sich DVDs an.
Im Grunde genommen waren sie beste Freunde. Sie trennte die Verhältnisse aus denen sie kamen und einte ihre soziale Einsamkeit.
Als David mit dem Rad zur Schule radelt ist es Winter. Ein bitterkalter Winter, was David an seinen gefroreren Fingern merkt.
Es ist der vorletzte Winter vor dem Abitur am Cato-Bontjes van Beek Gymnasium in Achim und die angehende akademische Elite Deutschlands bereitet sich vermehrt auf die Tage der Tage vor.
Doch wie alle junge Menschen, beschäftigt die Schüler jedoch andere Themen. Die da wären Partys ,Drogen und Sex. Doch eines beschäftigt die Fast-Akademiker noch mehr: Die angehende Abi-Fahrt im nähsten Sommer in Barcelona.
Das ist mit fortschreitender Zeit das Thema und Gesprächsstoff schlechthin unter den Schülern. Wer kommt mit, wie wird das Wetter, wie werden die Partys und wer kriegt wen ins Bett.
Doch all diese Gespräche finden abseits von Davids Gehör statt. Einfach weil keiner mit ihm redet.
Das liegt nicht unbedingt an Davids Aussehen. Es gab wesentlich dickere Mitschüler, die weitaus beliebter waren. Es lag einfach an Davids Grundwesen. Er war schon dem Klischee nach ein geborener Außenseiter. Ein Nobody mit dem niemand recht viel anzufangen wusste.
Dass in Pausen sich niemand zu David oder Sergej sich gesellen wollte schmerzte sehr an Davids Seele. Was ihn noch mehr schmerzte war die Tatsache, dass das Mädchen das er ständig beobachtete und nach ihr sehnte ihn auch vollkommen ignorierte. Dieses Mädchen war Anna Greever. Ein hübsches Mädel mit blonden, lockigen Haaren und Meeresblauen Augen. Genau in dieses Mädchen war David unsterblich verliebt. Er sehnte sich nach ihrer Nähe und ihrer Anerkennung.
Doch Anna gehörte zu den beliebtesten und meist umschwärmten Mädchen der Schule und natürlich, wie alle beliebten Mitschüler, ignorierte sie David und sprach im letzten Schuljahr vielleicht nur ein paar Sätze mit David. Gezwungener maßen, als sie im Physik-Unterricht in eine Projekt-Gruppe eingeteilt wurden und ein Versuch zusammen durchführen mussten.
David konnte sich kaum an die physikalischen Prinzipien des einfachen Stromkastens erinnern und wurde sehr nervös. Er fing an zu stottern, wenn er mit Anna sprach und war sehr tollpatschig, was dazu führte, dass er die Kabel falsch anlegte und die Sicherung raus flog. Das alles führte dazu, dass Anna nur noch mit den Augen rollte und möglichst schnell mit dem Projekt zu Ende sein wollte. Ihr war das alles offenbar sehr peinlich, wodurch auch David sich sehr peinlich fühlte. Zusammengenommen ein verkorkster Physik-Unterricht und Davids Chancen sich Anna wenigstens Intellektuell zu nähern scheiterte kläglich.
Dieses Erlebnis verkorkste Davids letztes Schuljahr und er wurde im Umgang mit den Mitschülern nur noch nervöser und zurückhaltender.
Einige der wenigen trüben Lichtblicke in Davids Leben waren seine Xbox und Sergej.
Sie waren zwar beste Freunde und hingen ständig zusammen ab, doch in der Schule war es offenbar auch David peinlich sich mit Sergej zu zeigen, da Davids Ansicht nach, Sergej ein noch größerer Außenseiter war als er selbst.
Dies hing vor allem mit Sergejs altmodischem Kleidungsstil, seinem schlechten deutsch und die altmodischen Butterbrote, die ihm seine Mutter jeden Morgen schmierte. Gerne mit kaltem, streng riechendem Heringssalat.
So sahen sich beide wohl gezwungen mehr oder weniger Freunde zu sein, was besser ist als allein im Pausenhof herumzulungern.
Im Unterricht war David zwar im mündlichen Bereich eher zurückhaltend, aber bei den Klassenarbeiten überdurchschnittlich gut. Besonders im naturwissenschaftlichen Bereich lagen Davids Stärken. Am meisten gefiel ihm Physik und Mathematik. Er hatte schon immer ein Händchen für Zahlen, Codes und Diagramme. Gern programmierte er neue Programme auf seinem Taschenrechner mit dem er in Sekunden Formeln lösen konnte.
Was David nicht gern mochte war der gesellschaftswissenschaftliche Bereich allen voran Deutsch und Geschichte. Im deutsch Unterricht lief es nie gut für ihn, da er sich selten meldete und ungern diskutierte. Im Geschichtsunterricht konnte er sich selten die Daten bestimmter Epochen oder Kriege merken, da er schlicht überhaupt kein Interesse hatte, welcher Krieg wann statt fand.
Fächer in denen es gewisse rhetorische Mittel zu beherrschen bedarf missfielen David. Lieber arbeitete er ruhig und still alleine für sich ohne viel mit anderen in Kontakt zu kommen.
Aber es gab auch Bereiche in der Schule, in der David gerne war. Da wäre zum Beispiel die IT-Arbeitsgemeinschaft, in der sich alle Nerds der Schule trafen und mit Herrn Reincking, dem Physiklehrer an neuen Programmen und HTML arbeiteten. Hier blühte David richtig auf und hatte viel Spaß mit den Rechnern zu arbeiten.
Was die bevorstehende Fahrt nach Barcelona anging, wusste David nicht recht, ob er sich freuen oder fürchten sollte. Freude über einen Ausflug ins schön warme Barcelona oder Furcht vor weiterer Ausgrenzung durch seine Mitschüler. Er hatte keinen Bock darauf, auf den Fiestas alleine in der Ecke zu sitzen.
Die Fahrt kam immer näher und beschäftigte natürlich alle Schüler. Es gab viele Jungs, die dann stolz ihre Körper zeigen würden, doch David schämte sich für seine nicht gerade athletische Figur und wäre bestimmt nicht geneigt ihn am Meer zu zeigen. Was würde seine umschwärmte Anna sagen? Wie würde sie gucken? David graute es davor.
Als er wieder nach Hause fuhr, kam er natürlich in ein leeres Haus zurück. Seine Eltern waren beide beruflich viel unterwegs. Die Mutter war Leiterin einer Sparkassenfiliale und der Vater Ingieneur bei Airbus in Bremen. Klar, die Familie Felder war finanziell recht wohlhabend, doch an einem gewissen Familienleben mangelte es sehr. Meist klebte ein Notizblatt am Kühlschrank, wo draufstand wann beide wieder Zuhause sind und was sich David zu Essen machen könnte.
Aber so sehr störte es ihn nicht, dass seine Eltern nie da waren. Er hatte ja auch selten, was zu erzählen. Nicht viel positives jedenfalls. Meist aß er Zuhause irgendwelche Fertiggerichte, machte Schularbeiten, saß am Computer, an der Xbox oder traf sich mit Sergej, der gerne zu David nach Haus kam. David hatte bessere Fernseher und Konsolen anzubieten, als Sergej daheim, der nicht viel an Unterhaltungselektronik zu bieten hatte.
So war Davids Leben. Materiell reich, sozial arm. Wie ungerecht das Leben doch ist!
Kapitel 3
Barcelona rückte immer näher. La Viva Espana!
Es war Frühling in Deutschland. Damit die Bildungsfahrt nach Spanien und die Klausuren davor.
Eine Mischung aus Vorfreude und Furcht mischte sich unter den Schülern der Oberstufe. Vorfreude auf Barcelona, damit Sonne, Strand und Partys und Furcht vor den anstehenden Klausuren.
David kümmerte die Klausuren weniger. Er war in seinen Leistungskursen immer gut dabei und würde die wohl mit Links schaffen. Die anstehende Fahrt beschäftigte ihn mehr mit Unbehagen.
Er war ein Außenseiter, ein Niemand und wie würde er in fernen Spanien ankommen, wenn er schon daheim nicht gut ankam. Wie würde es am Strand sein mit seinen hängenden Männerbrüsten? Wie würde er auf den Partys ankommen, wenn er doch nicht gerade ein geselliger Mensch war. Ihm graute es.
Aber er ertappte sich immer mehr dabei an Anna zu denken. In seiner Fantasie sah er sie vor sich mit Bikini, braungebrannter Haut und schönem Hintern. Wie schön, dass niemand seine Gedanken lesen konnte!
Die Klausuren kamen immer näher und David musste wohl auch damit anfangen den Stoff zu verinnerlichen. All die physikalischen Formeln und Gesetze kannte er zu gut. Die Grammatik der deutschen Sprache eher weniger.
Und so schnitt David auch ab. In den Naturwissenschaften glänzte eher mit je fast voller Punktzahl und in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern war es eine Katastrophe. Jedoch glich sich sein Notendurchschnitt ganz gut aus, dank seinen Leistungen in Mathe und Physik.
Bei den meisten anderen Mitschülern war es eher der umgekehrte Fall. In Reden, Diskutieren und Sprache waren sie besser unterwegs. Spannend ist es jedoch zu sehen, wie im Unterricht David auf einmal gut gefragt war, um den anderen in Mathe zu helfen oder Programme auf deren Taschenrechner zu schreiben. Jedoch wanden sich die Schüler schnell von ihm ab, in dem Moment, dass sie bekamen was sie wollten.
David fühlte sich beschissen. Er hielt die soziale Kälte ihm gegenüber kaum noch aus.
Er wünschte sich doch bloß anerkannt zu sein. Dass jemand gern mit ihm redete. Und dass Anna ihn beachtete. Sergej war in denen Momenten sein einziger Lichtblick. Mit ihm konnte er reden und lachen. Das füllte sein Leben zumindest auf ein Minimum an Freude.
Auf seine Eltern konnte er sich gar nicht verlassen.Sie waren nie da und ihre einzige Kommunikation bestand aus Notizen am Kühlschrank. Wenn sie mal da waren, sprachen sie nur über Davids Leistungen in der Schule. Solange die Noten stimmten war alles in Ordnung und die Welt war für seine Eltern in Ordnung. Mehr brauchte es nicht für sie.
Die Ryanair-Tickets lagen auf Davids Schreibtisch.
Er sah sie an und dachte nach. Was würden diese Tickets für ihn bedeuten? Spaß? Freude? Oder die totale Entäuschung. David spielte mit dem Gedanken einfach nicht mitzufahren. Aus vorgeblich gesundheitlichen Gründen. Naja, er könnte ja kurzfristig sich eine Erkältung holen oder sonstige Leiden, die eine Mitfahrt verhindern würden.
Er sah die Tickets ins Paradies und dachte nach. Nein. Diese Bloße wollte er sich nicht geben. Er
würde mitfahren und das Beste daraus machen. Mehr war nicht drin.
Airport-Bremen. Fünf Uhr in der frühe. So langsam torkeln die meisten Schüler zum vereinbarten Treffpunkt. Viele kamen leicht alkoholisiert zum Flughafen, da sie natürlich in die schöne Bildungsfahrt reinfeiern mussten. David kam mit dem Zug und Taxi zur Meute, denn seine Eltern waren natürlich geschäftlich verreist und konnten ihren einzigen Sohn nicht zur Schulfahrt bringen.
David stand natürlich außerhalb der Rudel und wusste nicht recht sich irgendwo einzubringen.
Vor allem erweckten die anderen nicht den Willen, ihn irgendwo dabeihaben zu wollen.
Einzig der Kursleiter kam kurz zu ihm rüber und kontrollierte ob David alles an Dokumenten dabei hätte, die es für einen europäischen Flug braucht.
Aus dem Augenwinkel betrachtete er Anna. Sie stand wie viele andere in Jogginghose da und wirkte ziemlich müde und verkatert. Sie stand mit ihren Freundinnen im Halbkreis und sprachen angeregt darüber, welche Klamotten und Bikinis sie dabei hätten.
Aus den Lautsprechern der Flughafenhalle ertönte die Ansage, den Ryanair-Flug nach Barcelona einzuchecken und sich zur Passkontrolle einzufinden. Jetzt geht es los.
Im dicht beengten Billigflieger saßen die Gymnasiasten in Zweierreihen und fieberten dem Flug ins schöne Spanien entgegen. Neben David wollte sich keiner setzen, so sah er sich gezwungen neben dem Kursleiter zu sitzen, der ihm während des ganzen Flugs zu Algebra und Physik ausfragte. Der Mann war selbst Physiklehrer und mochte es mit David sich über dieses und jenes interessanten Sachverhalt zu unterhalten. David war dies nicht geheuer. Er hätte lieber neben Anna gesessen und sie etwas näher kennen gelernt. Zwischendurch spähte er aus dem Augenwinkel zu ihr hinüber und fragte sich, was wäre wenn er neben ihr sitzen würde. Vielleicht hätte sie ihn dann mehr gemocht.
Der Flieger landet im schönen sonnigen Barcelona. Applaus ertönte im Flugzeug und alle jubelten, dass sie endlich im Paradies gelandet sind. Sobald alle den Flughafen verließen und ins freie traten, überkam sie warme Luft und Sonnenschein. Auch David, der in Kinderjahren oft mit seinen Eltern nach Florida flog, überkam Freude und Glück. Es war es schon mal Wert aus dem grauen Deutschland zu kommen und Urlaub zu machen. Auch wenn dies offiziell eine Bildungsfahrt war.
Die Meute aus dem fernem Achim stieg in einen Reisebus, der auf sie wartete und brachte sie ins Drei-Sterne Hotel am Rande Barcelonas. Das Hotel war auf Jugendfahrten spezialisiert und bot Nähe zum Strand und Vierbett-Zimmer, wobei die Mädchen und Jungen in getrennten Etagen schliefen. An der Rezeption forderte der Kursleiter seine Schützlinge auf sich in Vierergruppen zu bilden. Schnell wurden die Zimmer aufgeteilt und David hatte Glück sich einer Gruppe aus drei anderen anschließen zu können. Zumindest ging das für David gut aus. Seitdem er spanischen Boden betrat lief es schon mal gut für ihn.
David und seine drei Zimmergenossen teilten die Betten auf, wobei David das Bett an der Türseite nahm. Die anderen richteten es sich an der Fensterseite auf der anderen Seite ein.
Da köpfte einer von ihnen schon die erste Pulle Bier und reichte es seinen Nachbarn. Das geht ja schnell zu Sache denkt sich David, der kaum Erfahrung in Sachen Spaß und Party hatte. Alkohol eingeschlossen. David nahm dankend ein Bier an und die Vier stießen an. Auf das Leben, auf die Jugend. Zur Davids Überraschung waren seine drei Zimmergenossen sehr offen und wohlwollend zu ihm. Keine Spur der Ausgrenzung bisher. Das wird ja immer besser denkt sich David, der leicht beschwipst mehr aus sich raus kam und weniger Hemmungen hatte mit den anderen zu quatschen.
Das erste Gesprächsthema war natürlich, wo die nähste Disco liegt und wie die Partys werden.
Weniger interessierte es sie, dass es doch offiziell eine Bildungsfahrt ist und auch der Kursleiter sich gezwungen sah, mit seinen Schülern etwas in dem Sinne zu unternehmen. Also war ein Ausflug ins Künstlerdorf von Salvador Dali geplant. Die meiste Zeit jedoch verbrachten die Schüler am Strand, mit Beachvolleyball oder Strandfußball. Abends gingen alle natürlich top gestylt in die nah gelegenen Clubs um ausgiebig zu feiern. Auch David wurde seltsamerweise oder besser gesagt überraschend in die Clique einbezogen. Es scheint so, als wenn eine Schulfahrt in ein fernes Land, die gewöhnlichen Statusregeln nicht gelten würden. Auf einmal waren alle super drauf und auch die Außenseiter wurden in die Feiern einbezogen und es herrschte mehr Rücksichtnahme für alle.
Dies galt auch für eine Party im Club Viva den David niemals im Leben vergessen würde.
Bevor es in die Disco ging zogen sich die Jungs und Mädchen fesche Sachen an und Davids Zimmergenossen halfen ihm für diesen Anlass etwas passendes anzuziehen.´´Diese Nacht wirst auch du Spaß haben David.´´ sprach einer der Jungs ihm zu und dies schien ein Auftakt für eine feucht fröhliche Nacht zu werden.
David zog eine etwas engere dunkle Jeans an und dazu einen breiteren Ledergürtel samt weißes Hemd. Man musste zugeben David sah besser aus und vor allem cooler, als es sonst mit seinem Hoodies und Beanies der Fall war.
Gut gestylt und stark parfümiert gingen sie hinaus in die warme Nacht Barcelonas und tranken zum vorglühen spanisches Bier. Die Jungs trafen sich mit einer Gruppe Mädchen vor dem Club Viva und gingen gemeinsam hinein. Die Musik tönte so laut, dass keiner den anderen sprechen hörte und Licht blendete die verstrahlten Jugendlichen. An der Bar bestellten sie sich Wodka , stoßen auf eine schöne Nacht an. Bereits nach mehreren Kurzen wurde David immer beschwipster, jedoch immer lockerer und enthusiastisch. Er hatte keinen Scham mehr davor ausgiebig zu tanzen und mit den anderen zu trinken. Die Party wurde immer ausgelassener und da erblickte David ein schlankes Mädchen mit blonden Haaren und schönem schwarzen Kleid. Anna! Sie kam etwas später mit ihren Freundinnen in den Club und wie man sah, hatte sie viel Spaß und trank ordentlich Cocktails an der Bar. David beobachtete sie eine und überlegte, wie er sich ihr nähren könnte. Da kam Anna mit ihrer Freundin auf die Tanzfläche und tanzte. In dem Moment machte es klick bei David. Er vergaß alle Hemmungen, ging auf Anna los, hielt fest ihre Hüften und tanzte. Er drückte sie fest an sich und bewegte sich rythmisch zur Musik. Anna machte keine Anstalten sich zu wehren, sondern ließ ihn gewähren. Nach einer Weile legte er seine Hände auf ihren Hintern und küsste sie zart auf den Mund. Moment ist das wirklich David? Ja, das war David, der gerade dabei wahr die schönste Nacht seines Lebens zu haben. In der grell beleuchteten Tanzfläche und die Mengen an Alkohol flossen wurde alles möglich. Auch das David mit dem Mädchen knutschte, dass er schon immer anhimmelte.
Ein Lied wechselt ins nähste. Die kurzen gingen weg, wie Semmeln. Alle hatten Spaß.
Erst bei frühem Morgenlicht schien die natürliche Müdigkeit auch den letzten Feiernden zu erfassen. So langsam torkelte einer nach dem anderen aus dem Club zurück ins Hotel.
Anna und David waren die letzten auf der Tanzfläche. Sie tanzten bis zum letzten Lied und küssten sich mehrfach. Beide waren so betrunken, dass sie nicht merkten, dass die Angestellten sie hinaus baten. Nach gewisser Zeit verließen auch sie beide den Club und machten sich auf ins Hotel. Beide wussten was dort passieren würde. Beide wollten es. Diese Nacht war Davids beste in seinem Leben und der krönende Abschluss würde noch kommen. David konnte es kaum erwarten.
Es war dunkel im Zimmer. Sie waren allein. Anna nahm David an die Hand und zog ihn zu sich ins Bett. In dem Moment entfachte ein Feuer aus Leidenschaft zwischen beiden. Anna zog sich aus, nahm Davids Hände und drückte sie auf ihre Brüste. Danach zog sich auch David aus. Er dachte noch, dass es gut war, dass es dunkel ist. So konnte Anna nicht seinen Bauch sehen, aber das schien in dem Moment egal. David war in dem Moment wie in Trance, wie in einem real gelebtem Traum. Er küsste Anna überall am Körper und streichelte sie zart am Hintern. Daraufhin fasste Anna ihn an seinem Glied und spürte seine Erregung. Sie legten sich ins Bett und ließen ihrer Natur freien Lauf.
Zurück in Deutschland.
Alles hatte sich verändert. Alles war auf dem Kopf gestellt. Alle hatten einen dicken Kater.
David kam wie verändert zurück nach Hause. Er konnte selber nicht glauben, was passiert war. Er war nicht mehr der Außenseiter. Nein. Er war ein Verführer, der es geschafft hatte eines der hübschesten Mädchen der Schule ins Bett zu kriegen. Er war jetzt wer.
David strotzte vor Endorphinen und war jetzt nicht mehr David der Nerd. Nein er war David der Hengst. Dieser neuer Status gefiel ihm sehr. Was ihm noch mehr gefiel, dass er Anna näher kam, als er es je zu träumen wagte. David wollte mit Anna zusammenbleiben. Gar eine Beziehung mit ihr anfangen. Doch was dachte Anna darüber?
Kapitel 4
David konnte sich kaum noch an den Sex mit Anna erinnern, trotzdem dachte er gern an diese eine Nacht mit ihr, in der seine wildesten Fantasien wahr wurden.
Er war jetzt in der Schule anerkannt. Plötzlich redeten alle mit ihm und David schaffte es aus sich herauszukommen. Er redete jetzt gern und viel und war plötzlich ein ganz anderer Mensch. David baute sich zurück in Deutschland ein neues Leben auf. Er trieb mehr Sport, meldete sich im Fitnesscenter an, stemmte Gewichte, fand neue Freunde und traf sich regelmäßig mit ihnen.
Der einzige Verlierer hier war Sergej. David brach fast komplett den Kontakt zu ihm ab und traf sich nicht mehr ihm. Nein, Sergej war ein Nobody, jetzt hatte David neue Freunde, die wesentlich cooler waren als Sergej. Jetzt war David anerkannt. Er ging jetzt regelmäßig zu Partys und hatte einfach Spaß. Ein Gefühl, dass er vorher so nicht kannte.
Doch die Kehrseite der Medaille war Anna. Sie sprachen kaum über ihre gemeinsame Nacht und Anna flüchtete stets, wenn David mit ihr reden wollte. Es war kein Geheimnis, dass David eine Beziehung mit ihr aufbauen wollte, doch es war erkennbar, dass Anna dazu nicht geneigt war.
Dies verletzte David sehr. So sehr, dass sein Glück über sozialen Aufstieg mindern ließ.
Doch alles Gute hat ein Ende. Im Leben ist es möglich, dass ein einziger Augenblick das Leben verändern kann. Zum Guten aber auch zum Schlechtem. Dies sollte David schneller bewusst werden, als es ihm lieb ist.
Bremen. Wochenende. Stubu Dance Hall. David ist mit seinen neuen Kumpels unterwegs und wollen in Bremen feiern. Am frühen Abend trafen sie sich bei David Zuhause zum Vortrinken Einfach aus dem Grund, dass Davids Eltern nie daheim waren..
Sie tranken reichlich Wodka und Bier und machten sich dann auf dem Weg zum Bahnhof.
Dort stiegen sie in die Regionalbahn auf dem Weg zum Bremer Hauptbahnhof. Schon im Zug waren sie sehr betrunken und machten reichlich Randale. Sie grölten unentwegt und machten anderen jungen Mädchen, die auch feiern wollten, oberflächlich an, bis schließlich der Schaffner sie ermahnte und zur Ruhe zwang. Angekommen in Bremen machten sie sich auf zum nähsten Kiosk und deckten sich mit reichlich billigem Bier ein. Volltrunken ging es weiter zur Partymeile.
Vor der Warteschlange standen mehrere Türsteher, die die Gäste kontrollierten. Auf Waffen, Diebesgut oder einfach ob sie zu besoffen waren. Schon zu dieser Zeit war David sehr betrunken und ein Kumpel ermahnte ihn sich ruhig zu verhalten. Noch drei Besucher vor ihm. Die Aufregung stieg. Noch zwei. Oh mein Gott, hoffentlich lassen die mich rein. Noch einer. Jetzt kommt es drauf an. David war an der Reihe. Der Türsteher machte bei ihm eine Leibesuntersuchung und Puh. Er kam rein. Auch Davids Partykumpanen kamen irgendwie rein. Jetzt kann die Party steigen!
Grelles Licht. Laute Musik. Überall schöne Mädchen in kurzen Kleidern. Ringsherum angetrunkene
Männer. Davids Clique machte erst einen Abstecher in die Bar, um einen Kurzen zu kippen.
Danach ging es ab in die Tanzfläche. Sie tanzten im Kreis und schauten, welche Mädchen sie anbaggern konnten. David war aber zu dem Zeitpunkt schon so betrunken, dass er alles um ihn herum verschwommen vorkam. Break. Was passierte dann? Das Schlimmste. David war sehr betrunken. Er tanzte auf der Stelle und fing irgendwann an eine Gruppe älterer Damen anzutanzen. Die freute es natürlich, dass ein junger Mann mit ihnen tanzen wollte und erwiderten den Tanz. Eine von ihnen, die vom Alter her, Davids Mutter sein könnte küsste ihn plötzlich auf dem Mund. David schien nicht zu realisieren, was da passiert, sondern war so von Hormonen die nach Sex schrien besessen, dass er alle Hemmungen verlierte. Sie machten mitten auf der Tanzfläche wie verrückt rum und es schien, als ob der Abend für beide in Davids oder ihrem Bett endet.
So schien es. Aber dass es nicht dazu kam war Davids Kumpeln zu verdanken, die ihn aus der Tanzfläche zerrten. Außenrum brachen die Gäste in Gelächter aus und machten sich über diese Szene lustig. David merkte dies kaum und torkelte stark.
Seine Kumpanen hatten genug davon und steckten ihn draußen ins nächstbeste Taxi und baten dem Fahrer darum ihn Zuhause sicher abzuliefern.
Schmerzen. Große Schmerzen. David wacht in seinem Bett auf und fühlte sich. Wie soll man sagen? Beschissen. Er hob den Kopf. Um ihn herum alles vollgekotzt. David lag in noch in seinen Straßenklamotten und Schuhen im Bett. An die letzte Nacht konnte er sich kaum noch erinnern. Was war passiert? Diese Antwort sollte er am nächsten Montag in der Schule bekommen…
Montag. Schlimm genug dass es Montag ist. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass David sich zum Gespött der Schule machte. David konnte sich kaum an all die Peinlichkeiten erinnern, die er anstellte. Jedoch wurde ihm schnell bewusst, dass es wohl sehr peinlich war. Es gab viele Zeugen und besonders ein Zeuge war es, der ihm zu schaffen machte. Wir sprechen hier nicht von menschlichen Zeugen, die das Erlebte nur mündlich widerspiegeln. Der technische Zeuge in Form eines Smartphones ist halt der aufschlussreichste. Einer von Davids ´´Kumpanen´´ hatte Davids Absturz und Flirterei mit einer deutlich älteren Dame aufgenommen. Und dieses Video machte fleißig seine Runden im Social Web und der ganzen Schule.
Darauf war zu sehen, wie sehr David angetrunken war und wie ihm sehr egal war, dass er sich zum Gespött der Disko machte.
Die Folge dieses Ereignissen war, dass sich Davids neue Freunde von ihm distanzierten. Sie lästerten hinter seinem Rücken über ihn und schmollte nur noch über ´´Party David´´.
Was passiert mit einem dessen sozialer Status und Ruf elendig verendet? Der Mensch wird depressiv. David hatte in der Tat viele Fehler begangen. Einer der schlimmeren war jedoch, dass er sich von Sergej distanzierte als dieser noch zu ihm stand. Doch selbst Sergej wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Jetzt stand David alleine da. Ohne Sergej, ohne echte Freunde, ohne Familie, die eh nie da war und zuletzt von Anna.
Anna selbst tat alles, um sich von David zu distanzieren und ihn zu leugnen. Sie bestritt sogar, mit David an dem einen Abend in Barcelona mit ihm geschlafen zu haben.
David flog so hoch über den Boden der Realität und sank so tief in den Abgrund der Häme.
Ein Crash der schweren Art. Eine Karambulage der Träume und Hoffnung. Das Ende des Leben Davids, wie er es sich vorstellte. Wie er es sich ersehnte.
Kapitel 5
David sitzt auf einer Parkbank. Er ist allein. Er möchte auch alleine sein. Schon seit einigen Tagen.
David Felder ging seit einigen Tagen nicht mehr zur Schule. Er ließ sich auch nicht krankschreiben. Er ging einfach nicht mehr hin.
Warum denn auch? Er hatte nichts mehr zu verlieren. Sein Abi war ihm zur Zeit egal. Alles war ihm egal. Er wollte nur alleine sein.
So ging er jeden frühen Morgen aus dem Haus und ging spazieren. Am liebsten an Orten, wo nicht viele Menschen sich aufhielten. Er ging einfach drauf los und dachte nach. Über das Leben, das ihm nichts zu schenken gab und der Einsamkeit, die ihn überkam. Um aus der Einsamkeit zu entkommen floh er in die Einsamkeit. Die Zeit verging gefühlt verdammt schnell und die Gegensätze aus Tag und Nacht schienen zu verschmelzen. Aus Tag wurde Nacht, aus Nacht wurde Tag. Er aß unregelmäßig und vor allem viel und ungesund. Meist aus Fertiggerichten, die schnell zu garen waren und zumindest einen Teil seiner Leere füllte.
Die Zeit verging, Tage oder Wochen? Das wusste er nicht mehr. Die Einsamkeit wurde zu seinem Freund und Feind. Freund des Moments, Feind der langen Zeit ohne menschlichen Kontaktes.
Davids Eltern waren zwar ständig unterwegs, aber auch sie merkten, dass es etwas mit ihren einzigen Sohn nicht stimmte. David versuchte zwar, seine Probleme zu verbergen, aber er konnte sich nun mal nicht ihrer Anwesenheit über längeren Zeitraum entziehen.
Natürlich hakten sie nach, was mit ihm nicht stimme und was los sei. Doch David entging so weit es ging ihrer Konfrontation und flüchtete in lange Spaziergänge, oft über Stunden hinweg.
Befindet sich ein menschliches Wesen in dauerhaftem Ausnahmezustand und sozialer Einsamkeit gerät alles aus dem Fugen. Das Zeitgefühl, der Appetit, das Schlafverhalten.
David wusste selber nicht, wie er es beschreiben sollte oder was ihm konkret zu schaffen machte.
Er floh in seine eigene Welt der Einsamkeit, die ihm den letzten Halt gab und zugleich Hölle war.
Die Zeit rinn mit jedem Schritt, den David tagein tagaus ging. Er machte sich nicht mehr viel aus körperlicher Pflege und dem Duschen. Er verwahrloste mental und physisch zunehmend.
Auch seine Kleidung wechselte er nicht. Er lief geraume Zeit in den selben Jeans und Hoodie herum.
Am liebsten ging David den Weg entlang der Gleisen, wo die Züge zwischen Bremen und Hannover verkehrten. Zu Seiten dieses Weges lagen auf der einen Seite die Gleise und zur anderen Wiesen und Felder. Also ein Ort, an dem sich kaum Menschen, abgesehen von Gassigeher befanden.
Hier fand David Zuflucht in die Einsamkeit, in der ihn keiner mehr verletzen könnte. Hier war er sicher. Vor anderen, aber nicht vor sich selbst…
Du bist nichts Wert David Felder. Du bist hässlich, fett und keiner mag dich. Du solltest besser sterben, dann sind alle froh…
…Aber nein ich will nicht sterben. Ich möchte doch leben. Was seid ihr für Stimmen? Wo kommt ihr her? Warum hör ich euch? Warum wollt ihr dass ich sterbe? Was ist hier los?!
David wir sind da um dich zu töten David. Du sollst sterben, sterben, sterben…Wir sind solange da bis du endlich krepierst!!!
Blaulicht schwelgt im dunklen Nachthimmel.
Sirenen ertönen und stören die Ruhe der Nacht.
Ein junger Mann steht ruhig da. Er bewegt sich nicht. Kein bisschen. Er hat Angst.
Um ihn herum bildet sich ein Ring aus Streifenwagen und Rettungswagen.
Er nimmt sie kaum zu Kentniss. Er steht nur da und sieht ein Paar aus Lichtscheinwerfer auf ihn zu kommend.
Menschen schreien und rufen, doch er steht nur da…und sieht sein kurzes Leben dem Ende nahe…
