Sybille zieht noch an ihrer Zigarette und sieht den InterCity-Zug schnell an ihren Gleis einfahren.
Noch die Wärme des Hotels in Erinnerung, fröstelt sie in der kühlen Märzluft und erhofft sich durch ihren Kaffeebecher wenigstens etwas Wärme zu erfahren.
Sybille ist eine Frau in den besten Jahren. Jedenfalls sagt man es so bei Frauen in den Mittvierzigern. Sie selber hielt sich aber vielmehr für eine reife und erfahrene Frau, die weiß was sie will. Dazu gehören die Finanzierung eines gehobenen Lebensstils, der selbständigen Arbeit als freie Redakteurin in der Medienwelt sowie der verhütete Beischlaf mit Männern die sie für zumindest ebenbürtig hielt.
Wahrlich Sybille ist eine attraktive Frau mit ihren rötlichen schulterlangen Haaren, den milchig-blauen Augen und einem recht spitzen und markanten Kinn, welches ihr noch einen gewissen unkonventionellen Reiz gab.
Und genau dieser Reiz war es, der sie in ein Hotelzimmer führte und dort von einem erfolgreichen Künstler empfangen wurde. Natürlich gab es Sex, keine Frage, denn hier handelt es sich schließlich um freie, erwachsene Menschen, die sich das Leben nicht von der Moral klauen ließen.
Das ist genau die Freiheit die Sybille genießt. Ein selbstbestimmtes Leben, ein selbstbestimmtes Liebesleben und vor allem ein selbstbestimmtes Berufsleben. Sprache, Kultur und Kommunikation waren genau die Stärken einer ausdrucksstarken Frau die mit einer leichten schauspielerischen Begabung ihre Gedichte, Oden und Monologe vorzüglich zur Schau stellt, wie es wenige andere Frauen geschweige denn Männer nachahmen könnten. Regelmäßig war sie Gast in Talkshows im Fernsehen und sie gehörte zur intellektuellen Klasse der deutschen Medienwelt.
Sie steigt in den Intercity Richtung Berlin-Mitte wo sie lebt und arbeitet.
Ihr gegenüber im Zug saßen Hipsters, Rentner, Obdachlose und anzugtragende Geschäftsleute, die stetig in ihr Smartphone starren. Eine bunte Mischung an bunten Menschen in einer bunten Stadt. Das ist Berlin.
Sybille dachte noch an den hervorragenden Sex der letzten Nacht, ihrer oralen Befriedigung und vor allem ihr hervorragender Orgasmus. Der Künstler war wahrlich ein guter Liebhaber.
In Berlin-Mitte stieg sie aus dem Zug und nahm ein Taxi. Der Taxifahrer war ein redegeselliger Mann aus dem Libanon und sprach selbst an diesem frühen Morgen, wie bei einer Kaffeefahrt von Rentnern an den Harz.
Endlich vor dem Haus angekommen in der sie wohnte, stieg sie aus und ging die Treppen zum ersten Stock hoch. Sybille lebte in einem stilvollen Altbau und einer 3-Zimmer Wohnung mit hohen Wänden, hohen Fenstern und hohen Mieten, wie es bei so einer Wohnung in Berlin der Fall ist.
Nachdem sie ihren Kaffe kochte, öffnete sie ihren Computer und las diverse Nachrichten und Mails, doch es kam über Nacht nichts wichtiges rein.
So entschied sie ihren Kaffee zu trinken und sich noch für ein paar Stunden ins Bett zu legen.
Doch bevor sie der Schlaf einholte, holte sie ihr Smartphone ein und riss sie aus dem Dösen an der Schwelle zur Welt der Träume.
Schlaftrunken nahm sie ihr schrillendes Handy an die Hand und schielte auf das Display. Die Nummer war ihr nicht bekannt und es vergingen zwei Sekunden der Überlegung ranzugehen, bis die Neugier siegte und sie die grüne Taste drücken ließ: ´´Sybille Berg hier. Hallo ? ´´
Es rauschte auf der anderen Seite der Leitung bis eine männliche Stimme ihr antwortete: ´´ Hallo? Frau Berg, hier spricht Jonas Leevers von der neuen Züricher Zeitung. Es tut mir Leid, sie in der frühen Stunde zu stören. Es geht um ihren Ehemann Josef. Er ist leider verstorben.´´
Nach den letzten Worten wurde es schwarz um Sybilles Augen. Eine erstarrende Kälte des Entsetzens setzte ein und ließ sie kurz buchstäblich sprachlos werden. Erst als Jonas Leevers wieder in die Leitung sprach, kam ihre Sinne zurück. ´´Hallo…Frau Berg?´´
´´Ja ich bin noch da…Was ist passiert?´´
´´Es tut mir Leid ihnen das zu sagen. Ihr Mann hat lange bei uns gearbeitet, aber seit zwei Wochen gab es keinen Lebenszeichen mehr von ihm. Sein Leichnam wurde heute am Bodensee entdeckt. Wir wollten sie als erstes informieren, bevor sie es aus dem Fernsehen erfahren.
Sybille fehlten wieder die Worte und sie wusste nicht recht, wie sie reagieren oder was sie sagen sollte.
Nach ein paar Sekunden nahm sie wieder das Telefon ans Ohr und sagte Jonas sie werde umgehend nach Zürich reisen.
Schon wieder saß Sybille in einem Inter-City Zug, doch diesmal aus Berlin in Richtung der Schweiz.
Es verging ein Tag nach dem Anruf von Jonas und kurz nach dem Telefonat war der Tod ihres Ehemannes das Thema in den Nachrichten. Josef war ein in der Medienwelt anerkannter Journalist und Intellektueller. Oft sah man ihn in deutschen Talkshows oder als Autor in den wichtigsten Zeitungen der Schweiz und Deutschland. Doch all das war jetzt egal. Jetzt wo er tot ist.
Tatsächlich war Sybille geschockt, aber sie brach nicht in Tränen aus. Es war mehr eine Leere des Unfassbaren, dass sie stutzig machte.
Die lange Zugfahrt verbrachte sie in Gedanken und Erinnerungen, ab und an gestört von Anrufen oder Nachrichten in ihrem Handy. Doch sie ging nicht ran und irgendwann beschloß sie das Telefon auszuschalten und sich nur ihren Gedanken zu widmen.
Nach ein paar Stunden schritt eine Servicekraft durch ihr Abtei und bot Kaffee oder Tee an. Doch Sybille verneinte freundlich und starrte in die graue Landschaft aus dem Fenster…
Ein Polizist und ein Mitarbeiter der Kriminalpolizei begleiteten Sybille in eine kleine Halle voll von überdimensionalen Kühlschränken und Gefriertruhen. Doch diese waren nicht für Tiere oder Lebensmittel bestimmt, vielmehr für die letzten Überreste eines Menschen.
Der Mitarbeiter öffnete eine der Truhen und zog eine Liege aus dem Inneren hinaus. Dort auf der Liege lag ein lebloser Körper in einem Tuch verhüllt.
Langsam zog der Mitarbeiter das Tuch beiseite und fragte ob Sybille bereit sei.
Ein tiefes Atmen entwich der Witwe und nickte. Dann zog der Mann das Tuch beiseite und ein schrecklicher Anblick bot sich ihr. Der Leichnam war blass wie Papier und das Gesicht nicht mehr straff sondern ausgeleiert, als fiele die Haut von den Knochen ab.
Sybille erschrak zutiefst und nahm beide Hände vor dem Mund. Dann wurde ihr schwarz vor Augen bis der Polizist sie am Arm nahm und wieder aus der Halle führte.
Ja, es war Josef. Und ja. Er ist tot.
Doch Zeit zu trauern gab es nicht, denn es mussten geraume Dinge erledigt werden, wie der ganze Papierkram um den Nachlass und die Beerdigung.
Der Tot von Sybilles Ehemann war die Schlagzeile in allen Zeitung, wie in der ´´Züricher Zeitung´´in der Josef als Redakteur tätig war. Der einstige Arbeitgeber widmete sogar gleich zwei Seiten in der aktuellen Ausgabe und veröffentlichte mehrere Nachrufe.
Doch die ungeklärte Frage war und blieb: Wie kam es zum Tod von Josef Berg und warum trieb seine Leiche am Bodensee? Die Schweizer Kriminalpolizei nahm die Ermittlungen auf, doch es war absehbar, dass eine schnelle Lösung des Falls nicht eintreten würde.
´´Wieso starb Josef Berg ? ´´war die Titelseite eines Boulevard-Blatts und die intellektuelle Elite der deutschen und schweizer Medien sprachen darüber. War es Selbstmord? War es ein Unfall ? Oder gar ein Verbrechen ?
Viel war nicht über das plötzliche Verschwinden von Josef aus der Öffentlichkeit bekannt.
Demnach recherchierte er zuletzt über rechtsextreme Milieus in der Schweiz und bezog dazu Quellen von Aussteigern aus dieser Szene.
Über all das konnte Sybille nicht nachdenken. Noch immer war der plötzliche Tot ihres Gatten ein Schock sowie das schlechte Gewissen ihren Ehemann zuletzt vernachlässigt zu haben. Zwar lebten beide eine monogame Beziehung, doch es war die Arbeit beider, die den Kontakt zuletzt fast erstarren ließ.
Eine dunkle Tristesse inmitten des Schwarz der Kleidung von trauernden Menschen, versammelt um ein schwarzes Loch in einem Friedhof bei Zürich.
Viele Menschen, Weggefährten und Freunde wie Arbeitskollegen sind erschienen zu dieser Beerdigung. Kameras gab es nicht, genauso wenig wie Schaulustige oder Leidesgaffer. Diese Beerdigung war eine würdige Verabschiedung eines Menschen, der Zeit seines Lebens, der Wahrheit und Gerechtigkeit verpflichtet war. Zum Schluss segnet der Pastor das Grab und die Meute löst sich zunehmend auf. Einzig Sybille stand noch da vor diesem Loch in schwarz, während eine kleine Träne ihre Wange hinab glitt.
Vor drei Wochen.
Josef Berg arbeitete am Computer in seinem Büro in der Zentrale der ´´Züricher Zeitung´´und recherchierte zum Thema Rechtsextremismus in der Schweiz.
Er sah sich Bilder von Glatzköpfen in Stiefeln und schwarz vermummte Hooligans an, die teils offen mit Hakenkreuzsymbolen posierten.
Der Neonazismus ist nicht allein ein deutsches Problem. Es gab ihn in vielen verschieden Formen in der ganzen westlichen Welt. Von Polen über Russland bis in die USA. Es gab sie überall: Die braunen Faschisten.
Dann nahm der Journalist sein Diensthandy in die Hand und wählte einen Kontakt mit den Namen ´´Danny´´.
Hierbei handelte es sich um einen anonymen Aussteiger aus der rechten Szene, der bereit war Informationen über die Kommunikationsstruktur von Neonazis zu geben.
Nach ein paar Sekunden meldete sich die anonyme Person auf der anderen Seite und sagte bloß einen Satz ehe das Telefonat beendet wurde: ´´Heute 22 Uhr am Steg´´.
Sofort wusste Josef über diese Angaben Bescheid. Es war der selbe Ort, wo er sich mit dem Informanten regelmäßig traf. Der Ort befand sich auf einem Steg am Strand des Bodensees.
Nach kurzer Zeit schaltete Josef seinen Computer aus und trat aus der Zentrale in die frische Abendluft hinaus. Er ging hinüber zum Parkplatz und stieg in seinen BMW.
Das Navigationsgerät errechnete eine Fahrtdauer von etwa 90 Minuten bis zum Ziel.
Er fuhr auf die Autobahn und verließ Zürich. Für den Rest seines Lebens.
´´Guten Abend´´
´´Guten Abend´´erwiderte der Mann am Steg.
´´Haben sie was ich brauche?´´war die Frage von Josef.
´´Ja, habe ich.´´die Antwort seines Gegenübers.
Dann trat Josef an den Mann heran und wollte ihm die Hand schütteln.
Doch der Informant, ganz in schwarz gekleidet, erwiderte den Händedruck nicht.
´´Es tut mir Leid. Wir sind aufgeflogen. Ich konnte nicht anders…´´
Dann hörte Josef hinter seinem Rücken mehrere Personen, die das Steg betreten.
Es waren vier weitere Männer, die ihm die Flucht vom Steg blockierten.
Angst überkam dem Journalisten. Eine Todesangst, wie er sie nie zuvor spürte.
Die Männer traten ihm langsam näher. Einer von ihnen holte aus dem Inneren der Lederjacke einen Schlagstock hervor und klopfte damit auf die Fassade des Stegs, während sie immer näher traten.
Bei jedem Schritt, ertönte ein dumpfes Klopfen des Metalls auf das Holz. Zu diesem mörderischen Takt, spürte Josef Berg sein Herz immer schneller pochen, mit jedem Geräusch der immer näher kam…
