Polen.

Franja ist eine fromme Frau. Das glaubt sie jeden Falls über sich selbst.

Wie jeden Abend in einer Kleinstadt in Polen besucht die alte Dame den Gottesdienst in der örtlichen Kirche.

Nun kniet sie vor dem Altar und betet zu einem Gott, der sie schon immer begleitet hat und sie wahrscheinlich bis zum Tode begleiten wird.

Da sitzt sie nun. Die greise Frau mit einem Hut auf dem Kopf und dem Rosenkranz in der Hand.

Es mag vielleicht wie ein Ritual aussehen und vielleicht war es oft auch so, doch der Besuch in der Messe bedeutete alles für die einsame Frau.

Gott behüte, Gott geleite, Gott nehme.

Viele Jahre wird sie vielleicht nicht mehr erleben, das Grab im Friedhof schon reserviert, das Testament geschrieben auch wenn sie nichts besaß.

Nach der Messe ging sie aus der Kirche hinaus und auf dem Heimweg geht sie einem kleinen Supermarkt vorbei. An der Tür stehen betrunkene junge Männer mit Zigaretten in der einen und einem Bier in der anderen Hand. Einer von ihnen grölt, während Franja vorbeigeht, sie an und macht sich lächerlich über die fromme Frau.

Vor 50 Jahren…

Franja tanzt betrunken auf einer kleinen Feier in der örtlichen Kneipe.

Franja tanzt, denn sie ist eine gefragte Frau bei den Männern.

Franja geht nicht selten mit einen den Männern in ihre kleine Wohnung um mit ihnen zu schlafen.

Franja liebte das Leben, denn das Leben schien sie zu küssen.

Franja war eine wunderschöne Frau, mit langen blonden Haaren und einem Hintern, dem kein Mann widerstehen könne.

Dann passierte es.

Passierte dass Franja schwanger wurde von einem Mann, nicht wissend welcher Mann es war.

Wie eine Ausgestoßene, wie eine billige Hure wurde sie in der Kleinstadt fortan behandelt und misshandelt.

Weil das Kind nicht ehelich geboren wurde, wurde es als Bastard einer verruchten Frau behandelt und auf das Übelste von der Kirche, wie den Bewohnern abgestempelt.

Franja war eine alleinerziehende Frau in einer Zeit, in der Männer und vor allem Ehemänner das Sagen hatten. Nur der Klerus befand sich in dieser moralischen Hierarchie eine Stufe höher, die ihre Schäfchen zu hüten versuchten.

Doch lange sollte dieses Kind nicht überleben und nur nach ein paar Jahren im Leben, dem Leben von einer schweren Krankheit wieder geraubt werden.

Was muss eine Frau alles im Leben erleiden ?

Die Ausstoßung, der Zwietracht, der doppeldeutigen Sitte und verklärte Unsitte.

Wahrlich diese Frau hatte alles und verlor alles wieder.

Verloren in dieser Scham und der Einsamkeit besucht sie nun täglich das Grab ihrer Tochter und danach das Gotteshaus auf Erden.

Wenn ein Schäfchen verloren geht, begleitet das Schicksal es wieder zurück zur Herde.

Auch wenn dieser Herde nichts an Verleumdung und Ausgrenzung fehlen sollte.